Date: September 18th, 2011
Cate: Allgemein
Kommentare deaktiviert

Das ist eine Seite von Götz Münstermann

Sie finden hier Informationen über mich, meine Arbeit und was mich hier und da umtreibt. Nach dem Umzug zu einem neuen Provider und in ein neues System (Danke, WordPress), wandern nun nach und nach die Texte hierher. Viel Spaß.

Date: August 6th, 2010
Cate: Im Wendehammer

Applaus für die Hörner

Endlich zünftige Blasmusik aus Bayern: La Brass Banda aus dem Chiemgau treten den Beweis an, dass man mit Tuba, Trompete und Posaune eine ganze Halle rocken kann. Mit Bass und Schlagzeug im Rücken sorgten sie im ausverkauften Karlsruher Tollhaus für hüpfende, feiernde und vor allem glückliche Besuchermassen.

Was für Musik machen bayerische Herrschaften, die eine klassische Instrumentenausbildung genossen haben, Schweinsbraten und Weißbier nicht abgeneigt und in der Nachbarschaft des „Chiemsee Reggae Summer“ aufgewachsen sind? Die 1450 Konzertbesucher im Tollhaus wussten es nach fast drei Stunden auch nicht. Aber das ist egal, denn La Brass Banda machen Spaß. Mal wird Funk, mal Jazz, Rock oder Reggae und auch mal Techno mit der minimalistischen Bandbesetzung gespielt, fast jedes Lied der CDs „Habediehre“ und „Übersee“ ist in der Live-Version dreimal so schnell.

Bei dem Tempo fühlt man sich zeitweilig in Punk- und Deathcore-Zeiten zurückversetzt. Wären da nicht diese drei Bläser auf der Bühne, die einen musikalischen Genresprung nach dem anderen bravourös meistern. Trompeter Stefan „Sepp“ Dettl singt, rapt und sorgt für zackiges Tempo – und freundlicherweise übersetzt er auch hier und da seine bayerischen Texte. Er dirigiert seine Banda auch weg von den Mikros, gibt das Kommando zum Zug durch das Publikum. Zurück auf der Bühne sorgen Schlagzeuger Manuel da Coll und Bassist Oliver Wrage nicht nur für den ordentlichen Takt, sondern auch dafür, dass der Auftritt nicht
noch rasanter wird. Manuel Winbeck an der Posaune und vor allem Andreas Hofmeir an der Tuba entlocken ihrem Blech Töne, dass man keine Kapelle, geschweige denn Standardbesetzung mit Gitarren, Synthesizer oder anderen chipgesteuerten Musikinstrumenten benötigt.

Neben ihrem musikalischen Können entpuppen sich La Brass Banda aber auch als die optimalen Rampensäue für Live-Auftritte: Sofort nehmen sie das Publikum mit, nutzen es als vielstimmigen Backgroundchor und geben alles, damit die Besucher Freude haben: von Schweiß bis Slapstick. Schön, dass es solche Bayern gibt – schön, dass es solche Auftritte beim Karlsruher Zeltival des Tollhaus gibt. Dieses Ausnahme-Sommerspektakel, von dem sich so manches soziokulturelle Zentrum der Rhein-Neckar-Region ein
Scheibchen abschneiden könnte, hat seit Anfang Juli Künstler wie Shantel, 2Raumwohnung, Abdullah Ibrahim oder Nina Hagen präsentiert.

RNZ vom 6. August 2010

Date: Juli 31st, 2010
Cate: Im Wendehammer

Bürgerentscheid rettet Würzner

Stellen Sie sich mal vor, der Bürgerentscheid über bzw. gegen die Erweiterung der Heidelberger Stadthalle Ende Juli hätte nicht das rechtlich verbindliche Quorum erreicht. Ein paar hundert Nein-Stimmen zu wenig, so um die 25.000, und es hätte alles anders kommen können.

Oberbürgermeister Eckart Würzner sowie der Mehrheit im Heidelberger Volksvertreter die Möglichkeit hätten die Erweiterung im Gemeinderat durchgewunken. CDU, FDP, Freie Wähler, “Die Heidelberger”, Generation.HD und die Bündnis-Grünen hatten ja so vehement für den Ausbau geworben.
Die Stimmung in der Stadt war bis zum Bürgerentscheid schon aufgeheizt genug. Aber wenn die unterlegenden Ja-Sager bei einem solchen Ausgang ihren Willen durchgesetzt hätten, dann wären das unschöne Wochen, Monate, vielleicht gar Jahre geworden – vor allem für das Stadtoberhaupt. Denn der hätte den erwartbaren Sturm der Entrüstung und des Widerstandes als Projektionsfläche am ehesten ausbaden müssen.
Man mag es zwar nicht glauben, aber eigentlich ist es so: Die Niederlage beim Bürgerentscheid ist Würzners Rettung. Ihm bleibt erspart, seinen Plan gegen den ausdrücklich artikulierten Willen einer sehr großen Zahl Heidelberger durchsetzen zu müssen. Ihm bleibt erspart, dass er das bis zum kommenden OB-Wahlkampf in vier Jahren vorgehalten bekommt. Und ihm bleibt erspart, dass er ein nachgebessertes Finanzpaket für seinen Stadthallen-Ausbau-Tiefgaragenbuddel-Plan wenige Monate nach dessen Verabschiedung der Öffentlichkeit hätte präsentieren müssen. Dass er mit den 26 Millionen Euro hingekommen wäre, das haben ihm am Ende nicht mal mehr seine Freunde abgenommen.
Also: Bitte keine Niedergeschlagenheit im Rathaus, Erleichterung auf allen Seiten ist angebracht.

Date: Juli 10th, 2010
Cate: Heidelberg

Einmalig: Neubaugebiet ohne Telefonanschluss

Dass Häuslebauer in Heidelberg viel Geld auf den Tisch legen müssen, ist bekannt. Doch im Neubauareal „Im Bieth“ im Stadtteil Kirchheim müssen sich die Bewohner darauf einstellen, dass sie wegen der besonderen Wohnlage ein weiteres finanzielles Handicap meistern müssen: horrende Telefon- und Internetkosten. Denn: In dem Gebiet zwischen Kirchheim und der Speyerer Straße liegen keine Telefonleitungen. Wie es so weit kommen konnte, dazu gibt es widersprüchliche Aussagen.

Damit hat Miriam K. (Name von der Redaktion geändert) nicht gerechnet. Als sie mit ihrer Familie in ihr schlüsselfertiges Reihenhaus ziehen wollte, stellte sich heraus, dass es dort überhaupt keine Telefonleitungen gibt. Nicht nur bei ihr heißt es: kein Anschluss unter dieser Hausnummer. Im Februar hatte Miriam K. bei der Telekom den neuen Telefonanschluss beantragt – im guten Glauben, dass es hier zugeht wie in jedem Neubaugebiet in Deutschland. Zumal sie ein schlüsselfertiges Reihenhaus kaufte, bei dem normalerweise alle Leitungen zum Haus dazu gehören. Bis auf die Telefonleitung ist das auch der Fall.

Dass ein Neubaugebiet keinerlei Telefonleitungen hat, das bezeichnet ein Sprecher der staatlichen Aufsichtsbehörde Bundesnetzagentur in Bonn als „ einmaligen“ Vorgang in Deutschland. Die Frage, wie es so weit kommen konnte, ist nicht leicht zu beantworten. Die Beteiligten schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Insider behaupten, die Deutsche Telekom habe sich nicht rechtzeitig um ein Tiefbauunternehmen gekümmert, das ihre Telefonleitungen verlegt. Erst als das Fuldaer Bauunternehmen Bickhardt-Bau mit den Baggern angerückt sei, um das Areal zwischen Cuzaring und Pleikartsförster Straße bebaubar zu machen, habe sich die Telekom ein Angebot bei dem Tiefbauer der Stadt eingeholt. Das war der Telekom nach Angaben einer Konzernsprecherin aber zu teuer.

Im Rathaus gibt man die Auskunft, dass man weiter mit der Telekom verhandelte, auch mit der Niederlassungsleitung in Stuttgart. Getroffene Verabredungen seien aber nachträglich wieder kassiert worden. Vorschläge und Planungen zur Verlegung der Leitungen habe die Telekom in der Schublade gehabt, jedoch: „Diese wurden zur Ausführung nicht beauftragt“, heißt es in einer Stellungnahme der Stadt. Bei der Deutschen Telekom sieht man die Lage der Dinge ganz anders: Nachdem man das zu teure Angebot abgelehnt habe, sei ein anderes Tiefbauunternehmen damit beauftragt worden, die Leitungen zu verlegen. „Jedoch kam diese Firma mit dem vom Erschließungsträger beauftragten Unternehmer nicht zurecht und gab dann am Ende den Auftrag zurück“, erläutert Telekomsprecherin Cordelia Hiller, „daraufhin haben wir uns mit der Bitte um Unterstützung an die Stadt gewandt.“ Von städtischer Seite sei damals die Unterstützung abgelehnt worden. Reichlich sauer heißt es dazu aus dem Rathaus, dass die Telekom „erst nach Monaten“ ihre eigene Baufirma beauftragt habe, als Gräben schon verfüllt waren und der Straßenbau begonnen hatte. Da sei es kein Wunder, dass die Telekom-Firma den Auftrag wieder zurückgegeben hätte.

Mittlerweile sprechen die Stadt und der Telekommunikationsgigant wieder miteinander. Denn ein Neubaugebiet ohne Telefonleitungen hat einen handfesten Standortnachteil: Man kann kein Festnetztelefon und keine DSL-Leitung mieten. Experten schätzen, dass eine nachträgliche Verlegung der Datenkabel mit dem Aufbuddeln der neuen Straßen „etwas für Millionäre“ sei. Das weiß auch die Telekom und hat deshalb vorgeschlagen, wie in den guten alten Zeiten oberirdisch mit Masten die Anschlüsse zu den Häusern zu bringen. Doch da spielt die Stadt nicht mit, die verlangt unterirdische Leitungen. Jetzt steht im Raum, ob die Telekom vielleicht Leerrohre für ihre Strippen von den Stadtwerken anmietet oder kauft.

Doch einmal abgesehen vom Preis, über den man offenbar verhandelt, gibt es ein weiteres Problem: Nur die Zufahrtsstraßen zu den 23 Gewerbegrundstücken verfügen über Leerrohre. Aber nicht die sogenannten Wohnwege, also die kleinen Straßen zur Erschließung der mehr als 100 Wohnbaugrundstücke. Bleibt also die Frage: Einigen sich Stadt und Telekom über Art und Kosten der Telefonleitungen? Oder investiert gar ein Konkurrent der Telekom, wie die Stadt in einer Stellungnahme andeutet?

Bei der Bonner Bundesnetzagentur heißt es, man rechne im August mit einer Einigung von Stadt und Telekom. Wann aber Miriam K. und ihre zukünftigen Nachbarn zum Telefonhörer greifen und über das Festnetz telefonieren können, das ist unklar. Übrigens: Alle Bewohner des Neubaugebietes werden auch auf Kabelfernsehen verzichten müssen. Kabel BW erschien die Erschließung nicht wirtschaftlich. Vielleicht hat die Telekom die gleichen Rentabilitätsrechnungen angestellt. Nur – beim Fernsehen können sich die Neu-Biether selbst helfen: mit der billigeren Lösung Satellitenschüssel. Telefonleitungen können die neuen Bewohner aber nicht selbst ziehen.

DAS NEUBAUGEBIET Im Bieth

> 103 Wohnbaugrundstücke und 23 Gewerbegrundstücke hat die Stadt „Im Bieth“ auf 21,5 Hektar geschaffen; das Neubaugebiet liegt zwischen Speyerer Straße, Cuzaring und Pleikartsförster Straße im Norden Kirchheims.
> Seit dem Jahr 2006 besteht der Bebauungsplan, der erste Spatenstich zur Erschließung des Areals war imAugust 2007 – die Stadt hat 16,7 Millionen Euro dafür gezahlt. Im Mai 2010 wurde das Heizwerk eingeweiht. Die Erschließung wurde vom Tiefbauamt koordiniert.
> Die Deutsche Telekom hat die Verlegung ihrer Leitungen selbst zu zahlen. Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass sie einem Bürger einen normalen Telefonanschluss zur Verfügung stellt. Eine rechtliche Verpflichtung, Baugebiete bei der Gesamterschließung mit Datenkabeln auszurüsten, gibt es nicht.
> Seit August 2008 war klar, dass es keine Telefonanschlüsse im Neubaugebiet gibt – trotzdem läuft die Vermarktung. Von der Stadt wurden bislang vier Gewerbegrundstücke und zwei
Wohnbaugrundstücken verkauft. Sieben Grundstücke sind fast verkauft und es gibt laut Stadt viele Interessenten.

RNZ vom 20. Juli 2010

Date: Mai 8th, 2010
Cate: Heidelberg

„Wir müssen die Moscheegemeinden öffnen“

Ab kommenden Sonntag werden in der Heidelberger Moschee Dialogbeauftragte für alle Ditib-Moscheegemeinden in Baden ausgebildet. Zwei der bundesweit 54 Multiplikatoren, die die Dialogbeauftragten ausbilden werden, sind Dilek Ibis, 31 Jahre alte Lehrerin aus Mannheim, und der 26 Jahre alte Heidelberger Lehramtsstudent Ethem Ebrem. Im Rahmen des Projektes „Pro Dialog – mitten im Leben“, das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und dem Europäischen Integrationsfonds (EIF) gefördert wird, übernehmen sie nun an zehn Sonntagen die Ausbildung neuer ehrenamtlicher Dialogbeauftragter für ganz Baden.

> Frau Ibis, Herr Ebrem,was sind Dialogbeaufragte?
Ebrem: Sie sind Ansprechpartner der Gemeinden nach Außen und sollen gleichzeitig helfen, dass sich die Moscheegemeinden auch nach Außen öffnen.

> In christlichen Gemeinden übernehmen das in der Regel die Pfarrer, also die Theologen. Warum nicht auch bei Ihnen?
Ebrem: Unsere Theologen sind oftmals der deutschen Sprache nicht mächtig. Mittlerweile gibt es Projekte und Programme, die diese Situation zu verbessern versuchen, doch das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Wir wollen mit den Dialogbeauftragten die sprachliche Lücke schließen und eine Brücke in die Gesellschaft bauen, die uns aufgenommen hat.

> Wieso benötigen die Moscheegemeinden überhaupt Dialogbeauftragte?
Ebrem: Wir müssen die Gemeinden öffnen, und zwar in der Eigenwahrnehmung und in der Außenwahrnehmung. Die Kontakte mancher Moscheegemeinden in die Öffentlichkeit sind noch recht dürftig; auf der anderen Seite weiß die Nachbarschaft gar nicht, dass Muslime nebenan sind.
Ibis: Es geht aber auch darum, Vorurteile gegenüber den Gemeinden abzubauen. Die Menschen sollen wissen, was in der Moschee passiert, wir wollen Transparenz schaffen. Ich bin überzeugt: Allein schon durch den Schritt in die Öffentlichkeit findet Integration statt. Und es werden Vorurteile abgebaut.

> Welche Vorurteile nerven Sie am meisten?
Ebrem: Die Kopftuch-Vorurteile. Kürzlich wurde nach einer Moscheeführung gesagt: Da war eine Frau mit Kopftuch, die konnte perfekt deutsch.
Ibis: Mich nervt, dass Islam mit Terror gleichgesetzt wird. Unsere Religion bekommt immer einen negativen Touch, Islam gilt als streng und wird als archaisch wahrgenommen; und das wird immer schlimmer.

> Wie sieht die konkrete Arbeit für Sie als Dialogbeauftragte aus?
Ibis: Wir bieten Moscheeführungen an, und zwar für alle: für Kindergartengruppen, für Schüler, Studenten, Politiker, einfach für alle.
Ebrem: In Heidelberg nehmen wir auch am interreligiösen Dialog mit Christen und Juden teil. Aber die wichtigste Aufgabe ist selbst aktiv zu werden.

> Wer kann Dialogbeauftragter einer Moscheegemeinde werden?
Ebrem: Voraussetzung ist, dass derjenige deutsch spricht. Unsere Fortbildung ist ausschließlich auf Deutsch. Meistens sind es schon Leute, die engagiert sind und die ihre ehrenamtliche Arbeit ausbauen wollen.
Ibis: Ziel ist, genau so viele Frauen wie Männer auszubilden. Im Moment haben wir aber mehr Frauen auf der Teilnehmerliste.
Ebrem: In der Regel sind Männer in den Vereinsvorständen, wir wollen die Präsenz von Frauen verstärken und stabilisieren.

> Welche Themen sind Teil der Ausbildung zum Dialogbeauftragten eines Moscheevereins?
Ibis: Ein wichtiges Thema ist die Entwicklung von der Hinterhofmoschee zur Offenen Moschee. Es geht auch um interreligiöse Themen: Katholische, evangelische und jüdische Referenten stellen uns ihre Religion und ihre Gotteshäuser vor.

> Was bedeutet es für Sie, dass jetzt erstmals eine türkischstämmige Frau in Deutschland Ministerin wurde?
Ebrem: Wir nehmen uns selbst als Deutsche war und da ist für mich nur eines wichtig: die Leistung. Da ist es egal, ob
das ein Herr Oettinger oder eine Frau Özkan ist.
Ibis: Mir ist wichtig, was die Leute bewegen.

www.prodialog-ditib.de

Erschienen in der RNZ vom 8. Mai 2010

Date: März 4th, 2010
Cate: Allgemein

Stickstoffdioxid wird Problem Nummer eins

Nach der Bekämpfung des Feinstaubes steht Politik und Bürgern die nächste Luftschadstoffdiskussion bevor: Es geht um die Verringerung der Stickstoffdioxidwerte (NO2). Zum Jahresbeginn hat die Europäische Union (EU) die Grenzwerte verschärft, die aber laut Politik und Wissenschaft auf Jahre kaum einzuhalten sein sollen.

Wer bislang glaubte, mit seinem Dieselfahrzeug samt Partikelrußfilter Umweltschutz zu betreiben, der irrt in gewisser Weise. Zwar tragen diese Fahrzeuge zu einer geringeren Feinstaubbelastung in Städten bei und stoßen weniger des Klimakillers Kohlendioxid aus. Doch sie haben auch dafür gesorgt, dass das gefährliche Stickstoffdioxid nicht zurückging. „Das Stickstoffdioxid-Problem haben Wissenschaft und Politik nicht gesehen“, erklärt Ulrich Höpfner vom IFEU-Institut Heidelberg. Zu Jahresbeginn hat die EU nach langer Vorlaufzeit die Grenzwerte durchgesetzt, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorschreibt: Der Jahresdurchschnitt darf höchstens bei 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft liegen, der Maximalwert von 200 Mikrogramm in einer Stunde darf nur 18 Mal im Jahr überschritten werden.

Seit 2007 weiß man, dass die Hälfte aller deutschen Messstellen diese Werte nicht einhalten. In Baden-Württemberg trifft es besonders Stuttgart; aber auch Mannheim und Heidelberg. Baden-Württembergs Umwelt- und jetzt auch Verkehrsministerin Tanja Gönner sieht keine Trendwende bei den Stickstoffdioxid-Belastungen. Am Rande der bundesweit ersten Tagung zur Stickstoffdioxidproblematik in Heidelberg sagte sie, die technischen Nachrüstungsmöglichkeiten seien noch nicht vorhanden oder bezahlbar. Mit Fahrverboten will sie offenbar nicht arbeiten, „sollen der Verkehr und das Wirtschaftsleben nicht gänzlich zum Erliegen kommen“. Mit Aktions- und Luftreinhalteplänen sei man auf dem richtigen Weg. Aber die EU habe den zweiten vor dem ersten Schritt getan. Statt die Grenzwerte zu senken hätte man zuerst an die Schadstoffquellen gehen müssen, quasi an den Auspuff.

Die Abgasnorm „Euro 5“ kommt erst 2011, „Euro 6“ erst 2015. Und es dauert, bis die Fahrzeugflotten diese besseren Normen erfüllen werden. Kein Wunder, wenn Gönner meint: „Luftreinhaltung braucht einen langen Atem.“ Sie muss Fristverlängerungen beantragen, dass die Regionen im Land erst ab 2015 die neuen Grenzwerte einhalten müssen. Ob das zu machen ist, scheint etwa in der Landeshauptstadt Stuttgart zweifelhaft. So hofft Gönner denn auch, dass die EU-Richtlinie zur Luftqualität schon 2013 „überprüft“ wird.

EU-Generaldirektor Karl Falkenberg von der Umwelt-Generaldirektion sagt, dass es Ballungsräume gebe, die etwa mit einer CityMaut oder der Auflösung von Verkehrsknoten gute Erfahrungen gemacht hätten. Ob eine Fristverlängerung gewährt werde, das hänge davon ab, ob „man glaubhaft belegt, dass die Werte gesenkt werden“.

STICHWORT
> Was ist Stickstoffdioxid (NO2)? Ein Spurengas, das in der natürlichen Umwelt vorkommt. Es entsteht etwa bei einem Blitz, wird durch Regen wieder „ausgewaschen“.
> Woher kommen die hohen Mengen Stickstoffdioxid? Sie entstehen als Nebenprodukt bei Verbrennungsprozessen in Autos, Hausheizungen und Kraftwerken. Dabei werden Stickstoffdioxid und Stickstoffmonoxid ausgestoßen, Letzteres wird unter bestimmten Bedingungen zu Stickstoffdioxid. Hauptursache der zu hohen NO2-Emissionen ist eindeutig der Autoverkehr.
> Was ist daran so gefährlich? Das Gas bildet mit Wasser Säure und durch Niederschläge kommt es zur Versauerung von Seen und Böden. Pflanzenwachstum wird gehemmt, Naturstein verwittert schneller. Stickstoffdioxid in der Umgebungsluft kann bei Mensch und Tier die Schleimhäute reizen und die Atmungsorgane schädigen. Es liegen Anhaltspunkte für eine krebserzeugende Wirkung vor.
> Warum nehmen die Konzentrationen von Stickstoffdioxid nicht ab? Viele Luftschadstoffe haben in den letzten Jahrzehnten abgenommen, die Gruppe der Stickoxide ging weniger stark zurück, Stickstoffdioxid kaum. Ursache ist, dass viele Dieselfahrzeuge mittlerweile über Katalysatoren verfügen, die zwar andere Schadstoffe unschädlich machen, doch Stickstoffdioxid ausstoßen. Die Wissenschaft sagt, dass sie diesen Effekt wegen der komplexen Prozesse in den Katalysatoren nicht vorhergesehen hat.
> Was kann man gegen die hohe NO2-Belastung tun? Radikalste, aber kaum durchführbare Lösung sind Fahrverbote. Abgestuft könnten selektive Fahrverbote ausgesprochen, die schärfere „Euro-6“-Norm vorgezogen, und NO2-mindernde Katalysatoren nachgerüstet werden. Der Umbau von Verkehrsknoten zur Verteilung des Verkehrs und damit der Schadstoffe wird diskutiert.
(mit Material von IFEU Heidelberg)

Erschienen in der RNZ am 4. März 2010.

Date: Februar 13th, 2010
Cate: Heidelberg

Die Bürger im Netz verbandeln

Sechs junge Heidelberger finden, dass die Bürger zu spät oder gar nicht (mit)diskutieren, wie sich die Stadt verändern soll. Die gesetzlich vorgeschriebenen Formen der Bürgerbeteiligung kommen immer erst dann, wenn beispielsweise ein Bebauungsplan oder ein Großprojekt festgezurrt sind. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was Menschen sich wünschen, und dem, was gebaut wird“, hat Manuel Steinbrenner beobachtet. Mit der Website www.spacebonding.net wollen er und seine Mitstreiter dieser Entwicklung ein Forum zur sachlichen Auseinandersetzung entgegensetzen.

Wenn über ein geplantes Gebäude in der Stadt (etwa die Erweiterung der Stadthalle) oder ein Entwicklungsprojekt (etwa die Bahnstadt) diskutiert wird, dann kommt naturgemäß eine Gruppe immer wieder in der Öffentlichkeit zu Wort: Die, die sich am häufigsten, lautesten und kompromisslosesten äußert. Doch was will die oft beschworene „schweigende Mehrheit“? Um dieser Frage ein wenig näher zu kommen, haben der Ökonomiestudent Steinbrenner und fünf Mitstreiter die Plattform www.spacebonding.net aufgebaut. „Die Menschen sollen ihreMeinung sagen, bevor die Projekte angepackt werden“, wünscht er sich, „wir wollen sie aktivieren, sich mit den Themen der Stadt auseinanderzusetzen“.

Auf der Webseite kann man sich anonym zu seinem Stadtteil äußern, Stärken, Schwächen und Wünsche ganz subjektiv veröffentlichen und zur Diskussion stellen. So soll es zur Verbindung der Menschen mit dem öffentlichen Raum und der gesellschaftlichen Realität kommen – „Space“ ist der englische Begriff für Raum, „Bonding“ bedeutet verbinden. Das funktioniert aber nur,wenn sich möglichst viele Menschen zu ihrem Stadtteil äußern – und nicht immer nur dieselben bekannten Gesichter auftauchen.

Dass die vielen Bürgerinitiativen in der Stadt diese Plattform inhaltlich kapern könnten, bereitet Steinbrenner Sorgen. Aber er hofft, dass das Projekt durch eine große Beteiligung bislang unbeteiligter Menschen neue Impulse in die Stadt bringt. „Unser größter Erfolg wäre, wenn wir verschiedene gesellschaftliche Gruppen hier in Verbindung bringen“, berichtet Steinbrenner, wenn aufgrund gemeinsamer Interessen der Teilnehmer neue Projekte und Gruppen entstünden.

Wenn es nach den Machern geht, dann soll sich dieser virtuelle Raum für Diskussionen quasi selbst organisieren. Ein Glücksfall wäre es, wenn dieser Diskussionsraum im Internet quasi wie ein „Barometer“ wird, an dem man erkennt, „was die Menschen in den Nachbarschaften bewegt“, so Steinbrenner.  Den inhaltlichen Einstieg soll bei Spacebonding die Altstadt mit den Dauerbrennerthemen Tunnel, Stadthalle und Kneipen-Anwohner-Diskussion machen. Ein schwieriger Start, sind doch schon die meisten Argumente ausgetauscht. Dennoch haben Steinbrenner und Kollegen die Hoffnung, bei der Präsentation des Projekts am 20. März bei der „Langen Nacht der Museen“ bisher unbeteiligten Gruppen ein Forum zu bieten. Durch einen spielerischen und unbefangenen Umgang mit diesen Themen hoffen sie auf neue, eventuell ungenannte Argumente für die etwas eingefahrene Diskussion.

Date: November 23rd, 2009
Cate: Heidelberg

Aufgepasst: Hier kracht’s in Heidelberg am häufigsten

RNZ-Grafik Unfallschwerpunkte in Heidelberg

Schuld sind meistens die Autofahrer. Oder die Radler. Oder die Fußgänger. Oder die Bus oder Bahnfahrer. Wenn es auf Heidelbergs Straßen kracht, dann ist das auf den ersten Blick ein individueller Fehler. Und außerdem: Wo viel Verkehr ist, da gibt es auch mehr Unfälle. Doch es stellt sich die Frage, ob Unfälle auch entstehen, weil beispielsweise eine Kreuzung unübersichtlich ist. Oder eine Straße Raser zum Rasen einlädt. Einen Anhaltspunkt dafür bietet die Arbeit der Verkehrspolizei in der Heidelberger Polizeidirektion, dort werden alle Unfälle ausgewertet. Heinz Stegmaier und sein Team haben für Heidelberg 66 so genannte Unfallhäufungsstellen ausgemacht.Wo die Kreise in der Grafik rechts am größten sind, da kracht es auf Heidelbergs Straßen am häufigsten – und eben meist auf die gleiche Art und Weise, nicht selten mit einem schlimmen Ausgang für die Beteiligten. Noch vor Weihnachten werden sich die Polizeidirektion und das Verkehrsmanagement der Stadt zusammensetzen und über Lösungsmöglichkeiten diskutieren.

Statistik
Die nackten Zahlen für das Heidelberger Stadtgebiet zeigen eigentlich eine positive Entwicklung: Mehr als 4350 Mal im Jahr 2008 hat die Polizei einen Unfall aufgenommen; das ist ein Rückgang der Verkehrsunfälle um gut fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und auch die Zahl der Sachschäden (3696;minus 6 Prozent), der Verletzten (658; minus 3,5 Prozent) und Schwerverletzten (84; minus 7 Prozent) ging zurück. Allein die Zahl der Menschen, die im vergangenen Jahr bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen, stieg um zwei auf sieben.
Die Top Ten der häufigsten Unfallursachen im Stadtgebiet führt weiterhin die Kategorie “Wenden/Rückwärtsfahren“ an. Wenn bei einem Unfall ein Verkehrsteilnehmer verletzt wurde, dann ist die häufigste Unfallursache zu geringer „Sicherheitsabstand auf Vorausfahrenden“. Kommt bei einem Unfall ein Mensch ums Leben, dann ist meistens „nicht angepasste Geschwindigkeit“ schuld: Häufigste Unfallursache, wenn Kinder und Fußgänger beteiligt sind, ist „Betreten der Fahrbahn, ohne auf den Verkehr zu achten“; bei 18- bis 24-Jährigen ist es zu geringer Sicherheitsabstand; bei Senioren „Wenden/Rückwärtsfahren“. Die häufigste Unfallursache bei Radfahrern ist „Falsche Fahrbahn/Straßenbenutzung“, bei motorisierten Zweiradfahrern „nichtangepasste Geschwindigkeit“.

Unfallschwerpunkte
Die Polizei spricht dann von „Unfallhäufungsstellen“, wenn in einem Jahr (hier 2008) mindestens fünf gleichartige Unfälle zu verzeichnen waren und in den letzten drei Jahren (hier 2006 bis 2008) mindestens fünf Menschen wegen gleichartiger Unfälle verletzt oder getötet wurden. Viele der 66 Unfallschwerpunkte im Heidelberger Straßennetz liegen auf den Hauptverkehrsachsen. Doch nicht immer hat viel Verkehr auch viele Unfälle zur Folge.

> Berliner Straße/Mönchhofstraße: Die Kreuzung am Bunsengymnasium in Neuenheim, über die täglich 20000 bis 25000 Fahrzeuge fahren, hat in den vergangenen Jahren eine unrühmliche Spitzenstellung erklommen. Hier kracht es in der Stadt am häufigsten: Im Jahr 2008 kam es allein zu 18 gleichartigen Unfällen, in drei Jahren gab es 22 Karambolagen mit Verletzten, zwei davon schwer. Polizeihauptkommissar Stegmaier erklärt das mit dem hohen Verkehrsaufkommen, aber auch den vielen Funktionen, die die Kreuzung erfüllen muss. Meistens kracht es beim Abbiegen, so Stegmaier, vor allem,weil Autofahrer bei „dunkelgelb“ noch über die Ampel fahren und es eben nicht mehr reicht. Nach dem schweren Unfall einer zehnjährigen Schülerin im September 2008 – sie wurde von einer Straßenbahn erfasst – nahm die Stadtverwaltung die Kreuzung in Angriff: Im Zuge der Verlegung von Rohren und anderer Bauarbeiten wurden die Haltestelle verbreitert, die Querungssituation verbessert und die Ampel neu geschaltet. Jetzt beobachten Stegmaier und seine Kollegen, ob es dort weniger Unfälle gibt.

> Eppelheimer Straße: Der Streckenabschnitt zwischen Czernybrücke und der ehemaligen Eisenbahnbrücke ist für die Polizei schon länger ein Thema. 2008 kam es zu 22 gleichartigen Unfällen, in den letzten drei Jahren wurden bei 21 Karambolagen Menschen leicht verletzt. „Bei den meisten Unfällen mit Verletzten zogen Radler den Kürzeren. Viele Autofahrer sehen wegen parkender Autos die Zweiradfahrer auf dem Radweg nicht. Insgesamt ist die Straße, die am Rand von Heidelbergs zukünftiger Bahnstadt entlang führt, zu unübersichtlich für den vielen Verkehr. „Auf der Eppelheimer Straße gehört der Verkehr grundsätzlich sortiert“, findet Heinz Stegmaier, „auch wenn es mit Halteverboten sein muss.“ Die sanierte Rohrbacher Straße ist für ihn da beispielgebend, zwar sei das dann ein „Millionenaufwand, aber das macht Sinn“.

> Speyerer Straße: Problematisch ist es vor allem ab der Rudolf-Diesel-Straße bis zur Autobahn A5 und in der Gegenrichtung. Im gesamten Streckenabschnitt gibt es Auffahrunfälle, weil die Autofahrer rasen und nicht genug Abstand halten. Zudem ist gerade die Kreuzung Diebsweg ein Problem, weil etliche Autofahrer immer wieder in Richtung Innenstadt abbiegen, obwohl sie nur stadtauswärts fahren dürfen. Im Bereich von der Autobahnausfahrt bis in die Innenstadt wurde schon reagiert und die Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 auf 70 Stundenkilometer heruntergesetzt. Stegmaier setzt zudem auf einen „beruhigenden Effekt“, weil auf diesem Abschnitt die Ampeln auf eine „Grüne Welle“ programmiert wurden.Wegen der Raser stadtauswärts kann sich ein „Starenkasten“ lohnen. Die Folge dieser fest installierten Blitzer beschreibt der Polizeihauptkommissar so: „Es gibt keine wesentliche Beschleunigung mehr, das Geschwindigkeitsniveau geht zurück.“

> Karlsruher/Freiburger Straße: Diese Kreuzung geriet im Frühjahr wegen der schlechten Ampelschaltung in die Schlagzeilen. Ein Mädchen war bei Rot über die Straße gegangen und angefahren worden. Zwar gab es dort 2008 neun gleichartige Unfälle und in den letzten drei Jahren 13 Unfälle mit Verletzten. Aber kein Unfall ähnelte dem aus dem Frühjahr. Meist gab es Karambolagen beim Abbiegen. „Fußgänger wurden hier so gut wie nie verletzt“, so Stegmaier, „sonst hätten wir längst Alarm geschlagen.“

> Fabrikstraße/Heinrich-Fuchs-Straße: Hier gibt es einen der wenigen „Mini-Kreisel“ in der Stadt, der hat es aber in sich: Fünf gleichartige Unfälle 2008 und acht Unfälle mit Verletzten in drei Jahren sind das Resultat. Und fast immer wurden Radfahrer verletzt. Laut Verkehrspolizei kracht es dort immer wieder, weil die Vorfahrt nicht beachtet wird. Der Minikreisel wenige hundert Meter weiter an der Ecke Freiburger Straße/Kolbenzeilhingegen funktioniert, dort gibt es keine Unfallhäufungen.

> Dreieck B 3/B 535: Vor allem das „Ohr“ in Richtung Wiesloch hat sich als problematisch erwiesen, vier Unfälle gab es hier 2008, fünf mit Verletzten in drei Jahren.Um das Gefahrenpotenzial zu vermindern, wurde hier Tempo 30 eingeführt. Das Problem sei, so Stegmaier, dass auf engstem Raum zwei Bundesstraßen zusammengeführt würden.

> Berliner Straße/Zeppelinstraße: Hier habe es in 2008 sieben gleichartige Unfälle, 13 mit Verletzten in drei Jahren (davon zwei Schwerverletzte beim Abbiegen) gegeben. Dreimal war eine Straßenbahn involviert. Für die Verkehrspolizei ist klar, dass das Linksabbiegen von der Berliner Straße in die Zeppelinstraße hier die meisten Unfälle verursacht, und Stegmaier würde das am liebsten abschaffen. Doch sei an dieser Stelle „Protestpotenzial“ der Anwohner zu befürchten.

> Plöck: Heiß umstritten war die zeitweilige Sperrung für Radfahrer von der Sandgasse bis zur Nadlerstraße. Die Radlerlobby probte den Aufstand, aber so friedlich, wie behauptet, geht es in der Plöck nicht zu. Zwischen Sandgasse und St. Anna-Gasse gab es 2008 sechs gleichartige Unfälle, in drei Jahren 13 Unfälle mit 15 Leichtverletzten – meist wurden Radfahrer, seltener Fußgänger verletzt.

Was wird jetzt getan?
Am 18. Dezember setzen sich Polizei und Stadtverwaltung zusammen – das geschieht regelmäßig im Zweijahres-Turnus. Die Polizei macht ihre Vorschläge, es wird gemeinsam über mögliche Lösungen diskutiert. Die Stadt muss diese aber nicht umsetzen. Sie hat das Geld, sie bestimmt letztendlich, was geschieht.

RNZ vom 23. November 2009

Date: Juli 8th, 2009
Cate: Heidelberg

„Bürgerstiftungen sind ein hilfreicher Partner gemeinnütziger Einrichtungen“

Heute bekommt die Bürgerstiftung in einem feierlichen Akt ihre Stiftungsrolle überreicht. Damit kann die Stiftung von Heidelbergern für Heidelberger offiziell ihre Arbeit aufnehmen. Über die Chancen und Grenzen einer Bürgerstiftung sprach die RNZ mit Dr. Volker Then, Geschäftsführender Direktor des Centrums für soziale Investitionen und Innovationen (CSI) der Universität Heidelberg.

Herr Dr. Then, warum benötigt man Bürgerstiftungen?
Bürgerstiftungen sind ein Modell für Bürgerbeteiligung und ehrenamtliches Engagement. Eine Vielzahl von Menschen kann sich so für ihre Stadt einbringen. Und sie sind ein effizientes Instrument, um Mittel zu bündeln.

Was macht eine Bürgerstiftung besser als etwa eine Kommune?
Eine Bürgerstiftung ist unabhängig und hat die Freiheit, Themen anzustoßen, die nicht von Mehrheitsbeschlüssen im Gemeinderat abhängen. Klar aber ist: Politische Entscheidungen fällt die Politik.

Werden Projekte finanziert, aus denen sich staatliche Institutionen zurückziehen?
Bürgerstiftungen sollen ergänzen und helfen. Sie können etwa dafür sorgen, dass in Schulen künstlerische und musische Ausbildung mehr Gewicht und Ausstattung bekommt. Aber es kann nicht um die Übernahme von Verpflichtungen gehen, sondern um das Sahnehäubchen. Eine Bürgerstiftung ist auch ein viel zu kleiner Akteur, um öffentliche Aufgaben in der Fläche zu übernehmen.

Was bewirkt dann eine Bürgerstiftungin einer Stadt wie Heidelberg?
Sie macht die Stadt lebenswerter, erhöht die Lebensqualität – und zwar in den Feldern, in denen sich die Stiftung engagiert. Sie bietet Modelle und verantwortet Pilotvorhaben. Sie zeigt, wie es gehen könnte und
macht das dann auch.

Wie viel Kapital sollte eine Bürgerstiftung haben, um handlungsfähig zu sein?
Das aktuelle Stiftungskapital von 135 000 Euro ist ein guter Start. Die Erträge bei vier, fünf Prozent Zinsen zeigen, dass es in den kommenden Jahren nur mit ehrenamtlicher Führung geht. Wichtiger als die Erträge sind weitere Zustiftungen und Spenden. So machen zum Beispiel bei der zehn Jahre alten Hamburger Bürgerstiftung die Erträge mittlerweile nur 15 Prozent der Jahreseinnahmen aus. 85 Prozent kommen aus Spenden und gebundenen Treuhandvermögen.

Können einzelne Stifter durch hohe Spendensummen eine Bürgerstiftung dominieren?
Das ist eine Gratwanderung, die die Gremien bewältigen müssen. Es liegt immer an der Stiftung, sich nicht von Einzelnen majorisieren zu lassen.

Heidelberg ist bislang von Stiftern wie Lautenschläger, Hopp, Tschira oder Marguerre geprägt. Ist die Bürgerstiftung für diese Spender eine Entlastung oder ein Gegentrend?
Ich sehe das als mittelständische Ergänzung. Die Bürgerstiftung ist ein Instrument für Bürger, die nicht in Millionen denken, sondern fünf bis sechsstellige Beträge stiften oder drei bis vierstellige Beträge spenden wollen. Engagement ist in der Demokratie für alle da.

Wo ziehen Sie die Grenzen für Bürgerstiftungen?
Sie sollten nicht eigene Projekte machen, sondern neue Projekte als Stiftung fördern. Sie brauchen auch nicht jedes neue Vorhaben anzustoßen. Eine Bürgerstiftung ist eher ein hilfreicher Partner gemeinnütziger Projekte und kein Wettbewerber zu diesen Gruppen, die ebenfalls um Spenden werben.

Haben Sie ein Beispiel, wo eine Bürgerstiftung den falschen Weg gegangen ist?
Die Stadt Stiftung Gütersloh, die erste Bürgerstiftung Deutschlands, hatte die Verantwortung für ein Jugendzentrum in einem denkmalgeschützten Wasserturm übernommen – ein gewaltiges Bau und
Betriebsprojekt. Die Beteiligten haben dann gemerkt, dass sie zu weit gegangen sind und sich zu stark gebunden haben.

Deshalb lautet Ihre Empfehlung?
Lieber fördern statt selber machen. Eine Bürgerstiftung sollte ein Projekt nur selbst übernehmen, wenn es gar nicht anders geht, wenn niemand sonst die Lücke füllt.

RNZ vom 8. Juli 2009

Date: Juni 30th, 2009
Cate: Heidelberg

Alt-Rektor Rendtorff empfiehlt Professor Eitel den Dialog mit allen Studenten

Den radikalen Studenten galt Rolf Rendtorff als „Scheiß-Liberaler“ – die konservative Professorenschaft wie auch das Heidelberger Bürgertum sahen in ihm eine Marionette von Kommunisten. Der Alttestamentler Rendtorff war ein Ordiniarius, der sich zur Demokratisierung der Ruperto Carola bekannte, dafür arbeitete und deshalb letztendlich 1972 als Rektor zurücktreten musste. Kein Wunder, dass der 84-Jährige seine ganz eigene Sicht auf die Forderungen der heutigen Studenten hat.

Der Emeritus beobachtet die Entwicklung an der Heidelberger Hochschule mit sehr viel Distanz. Vieles hat sich seit seinem Ruhestand 1990 verändert – die heutige Situation an der Hochschule könne man schon gar nicht mit den unruhigen Zeiten Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts vergleichen. Damals sei die Demokratisierung der Hochschule der Ausgangspunkt dafür gewesen, dass sich eine kleine Gruppe Studierender radikalisierte und den gesellschaftlichen Umbruch wollte. Heute protestieren die Studenten gegen überfrachtete Bachelor- und Masterstudiengänge und verlangen bei der Reform nicht nur Gehör, sondern auch Mitbestimmung.

Vor 40 Jahren wurde „die Idee einer gewissen Demokratisierung“, eine „kleine Mitbestimmung“, durchgesetzt, erklärt Rendtorff. „Die Macht der Professoren musste abgebaut werden.“ Die Hochschule handelte eine Grundordnung aus, die die Macht der alleinherrschenden Ordinarien einschränkte, dem „Mittelbau“ und den Studierenden neue Rechte einräumte. Als „Reformrektor“ ging Rendtorff damals ins Amt, aber seine Amtszeit endete, weil die konservative Professorenschaft sich organisierte und ihre Pfründe zu sichern versuchte. 40 Jahre später haben die Professoren immer noch viel Macht, vor allem auf der Ebene der Institute – auf Uniebene hat mittlerweile der Universitätsrat, ein Gremium mit mangelnder demokratischer Legitimation, die größte Macht. Aber vor allem an der Basis, auf Institutsebene, verlangen die Studenten eine fest verankerte Mitbestimmung, nicht allein ein Anhörungsrecht auf Basis des guten Willens. Im Senat, dem Uni-Parlament, beanspruchen die Studentenvertreter als größte Gruppe der Hochschule elf statt nur vier Repräsentanten. Doch der amtierende Rektor Prof. Bernhard Eitel wie auch sein Stellvertreter, Prorektor Prof. Thomas Pfeiffer, wollen bislang keine Ausweitung der Mitbestimmung. Im Gespräch mit den Besetzern ihres Amtssitzes sagten sie, dass Studierende nach vier oder fünf Jahren die Uni wieder verließen. Dann könne man ihnen doch keine weitreichende Mitbestimmung einräumen. „Das ist ein merkwürdiges Argument“, schüttelt Rendtorff den Kopf, „was haben denn die Studenten dagegen gesagt?“ Rektor Eitel sei wohl nicht klar, dass die Hochschule eine „Gruppenuniversität ist, bei der die Studentenvertreter nicht als Individuen, sondern als Repräsentanten einer Gruppe anzusehen sind“. Wie lange ein einzelner Kommilitone an der Hochschule sei, „das ist nicht die Frage“.

Zur Besetzung der „Alten Universität“ durch eine kleine Gruppe von protestierenden Studenten
sagt Rendtorff: „Das bringt nichts.“ Dass aber das Rektorat die Polizei mit der Räumung beauftragt hat, dafür hat Rendtorff kein Verständnis. Er sei stolz darauf, dass in seiner stürmischen Amtszeit „drei Jahre lang kein Polizist in der Uni war“, denn: „Warum soll ich als reformorientierter und demokratischer Staatsbürger die Polizei holen, wenn mir etwas nicht passt?“ Solange es sich um Menschen gehandelt habe, mit denen man reden könne, so lange sei das für ihn keine Entscheidung gewesen. Stattdessen täte Rektor Eitel gut daran, sich mit einer Gruppe von Professoren und den Studenten zusammenzusetzen. Die Frage sei nur: „Gibt es dafür genug Professoren?“ Die Studenten wiederum sollten sich überlegen, wie sie zu einer „vernünftigen Gesprächssituation“ kommen, eine Gruppe mit kompetenten Vertretern zusammenstellen und der Hochschule ihre Vorschläge unterbreiten.

Rektor Eitel sagt, die unterrepräsentierten Studenten könnten ihre Anträge für mehr Mitbestimmung ruhig stellen, sie müssten dann halt bei den anderen Gruppen der Hochschule „Überzeugungsarbeit“ leisten. Dafür muss es aber auch die Bereitschaft zum Dialog aller Gruppen der Universität geben.

RNZ vom 30. Juni 2009